Besinnungstage
der K 12
in Taizé
Weltdorf für innere Abenteuer
Am Sonntag, den 24. Januar 2010, fuhren 17 Kollegiatinnen der K12 und ihre zwei
erwachsenen Begleiter morgens um 08:00 Uhr vom südlichen Schlossrondell
Nymphenburg aus nach Taizé, dem kleinen Dorf in Burgund, das durch seine
besondere spirituelle Atmosphäre seit sechs Jahrzehnten Menschen aus aller Welt
und allen Konfessionen als geistlicher Treffpunkt anzieht. Während die anderen
Kollegiatinnen ihre Besinnungstage im Kloster St. Ottilien absolvierten, fuhren
wir – auch als Fortsetzung der Taizé-Fahrt 2007 in der Jahrgangsstufe (9) – nach
Burgund. Wir waren gerne bereit, dafür auf den freien Sonntag zu verzichten.
Außerdem stellte uns die Schulleitung freundlicherweise einen Unterrichtstag für
die Rückreise zur Verfügung.
Da sich die zwei Busfahrer ablösen konnten, erreichten wir schon kurz nach 17:00
Uhr unser Ziel. In der Empfangszone überreichte uns Xavier, ein Englisch
sprechender Spanier, der sich als Freiwilliger für sechs Monate in die Dienste
der communauté gestellt hat, ein Informationspapier, auf dem zu lesen ist: „Nach
Taizé kommen, heißt, eingeladen zu sein, Gemeinschaft mit Gott zu suchen, im
gemeinsamen Gebet, im Singen, in der Stille, im persönlichen Nachdenken und in
Gesprächen. Jeder ist hier, um einen Sinn fürs eigene Leben (wieder-) zu finden
und Kraft zu schöpfen. … Gastgeber in Taizé ist eine Gemeinschaft von Brüdern,
die sich mit einem Ja für das ganze Leben in der Nachfolge Christi auf das
gemeinsame Leben, die Ehelosigkeit und eine schlichte Lebensweise eingelassen
haben.“ Xavier begrüßte außer uns noch weitere 20 Neuankömmlinge. Ingesamt
hielten sich in dieser Januarwoche 100 Pilger aus Deutschland, den Niederlanden,
Belgien, Frankreich, Schweiz, Polen und Korea in der communauté auf, während ab
Ostern meist mehrere tausend Besucher Taizé bevölkern.

Nach der ziemlich umständlichen und langwierigen Aufnahmeprozedur, die bereits
zeigte, dass man in Taizé doch viel „entschleunigter“ als anderswo lebt, konnten
die Quartiere im Gelände „El Abiodh“ bezogen werden, und zwar einfache Baracken,
in denen Stockbetten aufgestellt sind.
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Um 19:30 Uhr besuchten wir den ersten Gottesdienst, der an diesem Sonntag zu
einer ungewohnten Uhrzeit stattfand, und zwar aus einem besonderen Anlass: Alle
Brüder der communauté, die bereits ihr ewiges Gelübde abgelegt hatten,
wiederholten dieses im Rahmen des Gottesdienstes, indem sie sich vor dem Altar
auf dem Boden ausstreckten und damit ihr Versprechen, Christus nachzufolgen,
erneuerten. Gerade dieser und die weiteren Gottesdienste, die dreimal am Tag
stattfanden – um 08:15 Uhr das Morgengebet, um 12:20 Uhr das Mittagsgebet und um
20:30 Uhr das Abendgebet – bildeten mit ihren bekannten Gesängen wie „Laudate
omnes gentes“, „Meine Hoffnung, meine Freude“, „Jésus le Christ“, „Bless the
Lord“, „Behüte mich Gott“ oder „Nada te turbe“ – um nur einige der bekanntesten
„Meditationen in Liedform“ zu nennen, den spirituellen Höhepunkt dieser
Besinnungstage.

Im Anschluss an diese Gebete gibt es das bewusst einfach gehaltene Essen, das
aber durchaus sättigen kann. Gerade während der Mahlzeiten besteht die
Möglichkeit, andere Jugendliche kennenzulernen und sich mit ihnen auszutauschen.
Am Montag fanden dann im Anschluss an das Morgengebet und das Frühstück
Gesprächsrunden statt, die von einem Bruder gestaltet wurden. Die Einführung in
die Bibel bildet im Jahre 2010 den Programmschwerpunkt der Bibelarbeit vor Ort.
So wurde beispielsweise in Zusammenhang mit Johannes 1,29-34 („Das Zeugnis des
Täufers für Jesus“) der Frage nach dem Verhältnis von Freiheit und Christentum
nachgegangen („Que fais-tu de la liberté?). Nach der Mittagspause wurden dann
diese Fragen im persönlichen Austausch zwischen den Pilgern wieder aufgenommen,
wobei sich bemerkenswerte, aber auch widersprüchliche Antworten ergaben.
In den Freizeitblöcken nutzten wir die Möglichkeiten, die der für uns
bereitstehende Bus bot: So fuhren wir am Montag in die Stadt Cluny im
französischen Departement Saone et Loire, einst die Stätte des höchsten
geistigen Anspruchs in Europa, der Ort, an dem die neben St. Peter zu Rom größte
Basilika der Christenheit stand und die sich heute als beeindruckende Ruine
präsentiert. Erhalten blieben der 33 Meter hohe südliche Kreuzarm des
Querschiffes mit oktogonalem Gewölbe und dem 62 Meter hohen Weihwasser-Turm
darüber, der kleinere Uhrenturm, ein Mehlspeicher aus dem 13. Jahrhundert, zehn
Kapitelle der Chorsäulen um 1100, das Äbtepalais des Jean III. von Bourbon, ein
paar Tore und Mauerreste. Diese große Basilika ging mit der Französischen
Revolution zugrunde: Ein Abbruchunternehmer erwarb die gesamte Anlage als
„Steinbruch“ und verkaufte die ehrwürdigen Trümmer als Baumaterial.
Heute wird aufwändig versucht, die Fragmente zu rekonstruieren. Unser Weg führte
uns noch in das Abteimuseum mit den Modellen Cluny (I), Cluny (II) und Cluny
(III) sowie in die historische Altstadt Clunys.
Am nächsten Tag besuchten wir die etwa 30 Kilometer südöstlich von Cluny
gelegene Stadt Macon, ein Verwaltungszentrum, das eine historische Altstadt
aufweist, die wiederum durch ihr süditalienisches Flair bezaubern soll. Bei
starkem Ostwind und bei erheblichen Minustemperaturen stellte sich allerdings
dieses Flair nicht ein. Immerhin besuchten wir noch die Kathedrale und das Musée
des Ursulinnes.
Am letzten Tag fuhren wir in den Freizeitstunden in die nähere Umgebung Taizés, in der sich etliche beeindruckende romanische Kirchen finden, so in Armeugny, Ougy, Comartin und Gengoux, ein Dorf, in dem wir einen typisch französischen Dorfkern vorfanden. Hier versorgten sich alle mit Baguette, um das Abendessen ein wenig zu verfeinern.
Im Anschluss an den Nachmittagstee lud uns Frère Wolfgang, ein deutscher Pater
aus der Oberpfalz, der die deutschen Pilger betreut, zu einem Gespräch ein. Er
erzählte uns von den Anfängen Taizés, von der beeindruckenden Persönlichkeit der
Gründergestalt Frère Rogers, sowie von den Veränderungen, die dieser Ort seit
den Anfängen erlebt hat. Ausdrücklich stellte er heraus, dass die communauté
nichts so sehr fürchte wie den Stillstand.
Des Weiteren hatten die Kollegiatinnen die Möglichkeit, ihre persönlichen
Eindrücke im Zusammenhang mit den Besinnungstagen in Taizé zu thematisieren
sowie auch ihre Anfragen und Nachfragen vorzubringen.
Zum Abschluss wies Frère Wolfgang auf die Teilnahme der Mönche an dem
Ökumenischen Kirchentag 2010 in München hin und lud uns ein, an der „Nacht der
Lichter“ in München teilzunehmen.
Pünktlich um 08:00 Uhr am Donnerstag verließen wir wieder Taizé, ohne Ausnahme
mit dem festen Vorsatz, „dieses Weltdorf für innere Abenteuer“ ein weiteres Mal
zu besuchen.
Dr. Jürgen Schmelter