Besuch der Ausstellung
„Pacific Palisades -
Wege deutschsprachiger Schriftsteller
ins kalifornische Exil 1932-1941"
Einer mittlerweile guten Tradition folgend, besuchte der Grundkurs Deutsch der K 13 mit seinem Kursleiter, Herrn Dr. Schmelter, zum dritten Mal eine Ausstellung im Literaturhaus München. Nachdem in den Vorjahren „Szenen einer schönen neuen Welt – 50 Jahres Thomas Manns Felix Krull“ und „Die Kinder der Manns – Ansichten einer Familie“ auf dem Programm standen, ging es in diesem Jahr um „Pacific Palisades – Wege deutschsprachiger Schriftsteller ins kalifornische Exil“. Auch der Leistungskurs Deutsch der K 12 besuchte in der Zwischenzeit mit Herrn Dr. Schmelter diese Ausstellung, durch die die Kollegiatinnen von einer Studentin der Germanistik kenntnisreich und anregend geführt wurden.

Triumph des Willens
In einer ersten Station, die von der Farbe Schwarz dominiert wurde, ging es zunächst um die Klärung der Termini „Auswanderer“, „Arbeitsmigranten“ und „Flüchtlinge“. Letztere verlassen ihr Land unfreiwillig, weil sie verfolgt werden oder weil ihnen Verfolgung droht. Nach der Machtergreifung Hitlers erlitten in Deutschland Verfolgung vor allem jüdische Bürger sowie nichtjüdische Demokraten, Kommunisten, Schriftsteller und Künstler. Von den Hundertausenden, die während des Dritten Reiches aus Deutschland flüchteten und auswanderten, umfasste der Exodus der Kultur über 5.500 Menschen, bei der Hälfte von ihnen handelt es sich um Schriftsteller. Die kulturpolitischen Maßnahmen der Nationalsozialisten bildeten die Hintergründe der Flucht deutschsprachiger Autoren ins kalifornische Exil.
Von der Referentin herausgestellt wurde, dass gerade die „Reichstagsbrandverordnung“ die durch die Weimarer Verfassung garantierten Grundrechte aufgehoben hat. Zusammen mit der Gleichschaltung der Presse wurde auch die Umstrukturierung der Schriftstellerorganisationen in die Wege geleitet, die für Mitgliedschaft eine Loyalitätserklärung an die neue Regierung voraussetzte. Eine weitere Stufe des Terrors gegen oppositionelle Schriftsteller bildete die öffentlichkeitswirksam in Szene gesetzte Bücherverbrennung. Verbrannt wurden die von den Nationalsozialisten geschmähten „Schriften und Bücher der Unmoral und Zersetzung“. Alle Maßnahmen gegen oppositionelle Schriftsteller erhielten ihre gesetzliche Grundlage schließlich mit dem Reichskulturkammergesetz vom 22. September 1933.

Lion Feuchtwanger: Abfahrt 25.09.1940 auf der S.S.EXCALIBUR,
American Export Line, in London
In einer zweiten Station, die in der Farbe Blau gehalten war, wurde der lange Weg nach Amerika thematisiert. Im Vordergrund der Ausführungen der Referentin standen die Schwierigkeiten, die sich denen stellten, die das Land verlassen mussten. Gerade nach dem Erlass der „Reichstagsbrandverordnung“ wurden überall an den Grenzen Kontrollen durchgeführt, und es lagen lange Listen mit den Namen der Gesuchten aus. Da die meisten Schriftsteller an ein schnelles Ende des Terror-Regimes glaubten und auf eine baldige Rückkehr hofften, verliefen die Fluchtwege zunächst recht zufällig. Frankreich stellte dabei das populärste Ziel der Exilanten dar, denn mit dessen Kultur und Sprache fühlten sich die meisten Schriftsteller aufgrund ihrer Verwurzelung in der europäischen Kulturtradition besonders verbunden. So wurde Paris zum kulturellen Zentrum der Emigration. Nachdem die Schriftsteller aber erkennen mussten, dass an eine schnelle Rückkehr nicht zu denken war, erwiesen sich auch die europäischen Exilländer im Laufe der Jahre nur als Durchgangsstationen nach Amerika. Aber gerade die restriktive Einwanderungspolitik der USA und der beginnende Krieg erwiesen sich hier als großes Hindernis. So war es den meisten Schriftstellern gar nicht möglich nachzuweisen, dass ihr Unterhalt in den USA für mindestens fünf Jahre gesichert war; es stellte sich beispielsweise auch als unmöglich heraus, ein Führungszeugnis von den deutschen Behörden zu erhalten. Nur durch das beeindruckende Engagement der über einhundert nicht-staatlichen amerikanischen Hilfsorganisationen konnte es den aus Europa flüchtenden Schriftstellern ermöglicht werden, in die USA einzuwandern. An vorderster Stelle ist hier die Arbeit des „Emergency Rescue Committee“ (ERC) zu nennen, dessen Arbeit in Amerika von vielen deutschsprachigen Künstlern und Intellektuellen sowohl finanziell als auch durch das Ausstellen von Bürgschaften unterstützt werden konnte.

Die Villa der Manns
In einer dritten Station – hier war alles in der Farbe Orange gehalten – wurde unter dem Motto „Paradies wider Willen“ das Leben der Schriftsteller im kalifornischen Exil beleuchtet. Die Referentin stellte heraus, dass sich für die meisten Neuankömmlinge der amerikanische Traum der „unbegrenzten Möglichkeiten“ bald als Illusion erwies. Die Mehrheit der exilierten Autoren war und blieb dem amerikanischen Publikum unbekannt. Nur wenige Ausnahmen wie Vicky Baum und Franz Werfel brachten es mit Bestsellern zu einigem Wohlstand. Zu den Wohlhabenderen gehörten auch Lion Feuchtwanger und Thomas Mann.
Eine große Zahl von bedeutenden Autoren war in Amerika auf die finanziellen Zuwendungen von befreundeten Kollegen angewiesen. Viele Schriftsteller reisten nach ihrer Ankunft in New York sofort nach Kalifornien weiter, da sie von den großen Filmfirmen Warner Brothers oder Metro-Goldwyn-Mayer für ein Jahr lang als Drehbuchautoren verpflichtet worden waren. Die sogenannten „Lebensretter“- oder „Charity“-Verträge mit den großen Filmfirmen ermöglichte den Flüchtlingen die Einreise in die USA und finanzierten ein Jahr lang den Lebensunterhalt, aber den Hintergrund dieser Verträge bildete die Solidarität, nicht das wirkliche Interesse an den Autoren, die dieses bald auch frustriert feststellen mussten.
Alle Autoren zog es an die Westküste, denn das hier vorherrschende mediterrane Klima hatten viele Exilanten schon in Südfrankreich kennengelernt. Vor allem aber suchte man die Nähe der „fellow exiles“ im „Weimar unter Palmen“: „Man ist nicht so sehr Fremdling mit befreundeten Fremdlingen rundum“, stellte Ludwig Marcuse fest. Hier in „Deutsch-Kalifornien“ (Thomas Mann) lebte man nun „zum drittenmal in der Weimarer Republik“ (Ludwig Marcuse). Die Suche nach Gemeinschaft bildete dabei zweifelsohne auch den Versuch, den schwerwiegenden Verlust des europäischen Kulturzusammenhangs, der die meisten Schriftsteller in außerordentlicher Weise belastete, zu kompensieren. Dieser Verlust war es, der vielen das Exil in Übersee so viel härter erscheinen ließ als das europäische Exil. War Frankreich für die meisten zu einer zweiten Heimat geworden, so brach nun das „waschechte Exil“ (Alfred Döblin) an. Die Depression der Exilanten, die unter zunehmenden Arbeitsproblemen und fehlenden Publikationsmöglichkeiten zu leiden hatten, steigerte sich noch nach Aufgabe der amerikanischen Neutralitätspolitik, als eine Welle des Patriotismus eine neue Fremdenfeindlichkeit heraufführte, die auch die Exilanten nicht verschonte. Daher entschieden sich viele Exilschriftsteller, die auf dem Papier inzwischen zu amerikanischen Staatsbürgern geworden waren, nach Kriegsende früher oder später für eine Rückkehr nach Europa.
Hier endeten die Ausführungen der Referentin, die alle Kollegiatinnen anschließend einlud, die Ausstellung noch einmal für sich zu erkunden und persönliche Schwerpunkte zu setzen.
Auch nach dem dritten Besuch des Literaturhauses kann vorbehaltlos bestätigt werden, dass sich ein Besuch immer lohnt!
Dr. Jürgen Schmelter